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Gnadenbringer
Schon fünf nach, kommt nicht bei, wo ich mich so beeilt,
abgehetzt, mit diesen Schuhen, Stolperstelzen, durch die
Altstadt, auf dem Pflaster, und hier, dieser Noppenboden, wo
er bleibt, ob ich ihm ... hängt doch von ihm ab, alles, eins
Komma null, die Chance, meine Chance, will doch endlich ...
Manuskripte, Pergamente ... endlich selber, lange genug
Kaffee gekocht, Zettel sortiert, so viele Türen hier, am Flur,
und alle zu, keiner da, fünfzehn Uhr, hieß es doch, nicht mal
Stühle hier, kann nicht mehr stehen, in den Dingern, und
dieser Rock, nicht mal DIN A4, wo er wohl herkommt, vom
Aufzug, ist ja kräftig, groß und kräftig, fährt doch Rad, jeden
Tag, bestimmt hier, durch die Tür, vom Treppenhaus, nein ...
bin das ich, da, in der Glastür, wie eine Puppe sehe ich aus,
Puppe, spätmittelhochdeutsch puppe, aus lateinisch pupa,
„Puppe, kleines Mädchen“, bezeichnet auch die
Übergangsstufe von einer Larve zum Insekt, davon abgeleitet
die Verbformen verpuppen, entpuppen ..., wie sie mich
angemalt hat, Evelina, ob ihm das nicht zu viel ... au, meine
Füße, bestimmt voller Blasen, hinsetzen, Schuhe aus, geht
nicht, später, muss da durch jetzt, und was, wenn er kommt,
wie stelle ich es an, was hat Evelina ... genau,
hineinkommen, erst einmal stehen bleiben, in der Tür, geht
ja nicht, er kommt ja, jeden Augenblick kann er kommen,
soll ich wirklich, wollte doch nie ... egal, die alten Texte,
Folianten, forschen, endlich selber, hier, ja so, hinstellen,
lässig angelehnt, und wenn er kommt, vom Aufzug, vom
Treppenhaus, lächeln, die Lippen leicht geöffnet, und dann,
Augen zu, wird schon ... muss, wie alt wird er sein? fünfzig,
sechzig, im besten Alter, gut gehalten, graue Schläfen, hat
doch was, Schläfe, alt- und mittelhochdeutsch slaf, älter
neuhochdeutsch Schlaf, ursprünglich dasselbe Wort wie der
Schlaf, mit dem Plural Schläfe, bezeichnet die seitliche Stirn,
auf der der Schlafende ruht, aua, nicht auszuhalten, muss sie
ausziehen, aaah, tut das gut, total zerschunden, geschwollen,
der Weg hierher, die reinste Hölle, wenigstens kein Kratzer,
nicht am Leder, umbringen würde sie mich, Evelina, ihre
Manolos, schnell, wieder an, kommt doch gleich, kann doch
nicht so hier, barfuß, schon acht nach, was er denkt, wenn er
mich so ...in diesem Rock, diesen Schuhen ... und wenn er
nicht ... wenn er sagt ... wenn er ... egal, muss ich eben ...
aber wie, kann doch gar nicht ... natürlich, brauche die Note,
Codex Hallburgensis, Mantovensis, Cordobensis, Wort für
Wort, wird schon irgendwie ... muss, ob es offen steht, sein
Hemd, dass man sein Brusthaar sieht, sein Fell, dicht und
dunkel, Fell, gemeingermanisches Substantiv, mittel- und
althochdeutsch vel, ursprüngliche Bedeutung „Haut“,
verwandt mit lateinisch pellis „Fell, Pelz, Haut“ und griechisch
pélla „Haut, Leder“, verwandt auch mit Pelle und Pelz, erst im
Neuhochdeutschen Bedeutungsverengung auf „behaarte
Tierhaut“, komisch ist das, kein Mensch hier, er nicht, und
auch sonst ... umso besser, wie die geglotzt haben, draußen,
auf dem Marktplatz, vor der Kirche, im Park, sieht man mir
an ... dieses Blüschen, fast nichts dran, Stilettos, knallrot,
Stiletto „Bleistiftabsatz, Stöckelschuh“, erstmals belegt 1953
im Newark Advocate, genau, wie auf Bleistiften, wie Evelina
das macht, durch die Altstadt, einfach so, knickt nicht einmal
um, und ich, bei jedem Schritt, das Pflaster, wie ein Netz,
wollte mich fangen, fesseln, egal, bin hier jetzt, und er, wann
endlich ... wie wird er sein? geduldig ... drängend? und wenn
er mich dann ... ob er lächelt? sein Mund, zwei
Nacktschnecken aufeinander, Mund, verwandt entweder mit
lateinisch mentum „Kinn“ und kymrisch mant „Kinnlade,
Mund“ oder mit der indogermanischen Wurzel *menth-
„kauen“, althochdeutsch mund, mittelhochdeutsch munt,
schwedisch mun, gotisch ... wie war noch gotisch, ich weiß
nichts, gar nichts, wie kann ich bloß ... und wenn er nicht,
wenn ich ... was weiß ich ... nicht sein Typ ... wenn er ...
aber er hat doch ... ob ich immer so, so zugeknöpft, er wird
schon ... der Mund wird ihm aufstehen, Nacktschnecken im
Ringelreihen, wenn ich meine Bluse, Knopf für Knopf ... nein,
erst hinsetzen, ein Bein über das andere, nichts sagen,
einfach lächeln, und dann ... kriechen werden sie, auf meiner
Haut, ihre Schleimspur hinterlassen, kann ich wirklich ... oh
Gott, da ist er, endlich, zwölf nach, seine Hand, wie die sich
anfühlt, seine Finger, diese weichen, teigigen, Finger,
gemeingermanische Körperteilbezeichnung, gotisch figgrs,
althochdeutsch fingar, wie Faust wohl vom Zahlwort fünf
abgeleitet, althochdeutsch funf, finf, aus indogermanisch
*penk(u)e, diese Wörter, von wo ... wann ... wie, welche
Wege, durch die Zeiten, aus Mündern gehaucht, gespuckt,
geschrien, von Zähnen zerbissen, von Lippen zermalmt,
Nacktschnecken, die sich reiben, war das immer hier, dieses
Sofa, in seinem Büro, wie er dasteht, sein Bauch, hab nie
gesehen ... so wabbelig ... und hier, so eng hier, hab nie
bemerkt, was will er wissen, nicht hingehört, was kommt
der ... so nah ... sein Gesicht ... die Haut so fleckig ...
Tränensäcke, weg da, Widerling, soll sich doch selber ... ja,
der Schuh, Stiletto, italienisch für Stilett, Stichwaffe mit
langer, schlanker Klinge, geschaffen, um bei äußerlich kaum
sichtbaren Spuren möglichst tödliche Wunden zuzufügen, zu
deutsch auch Gnadengeber, Gnadenbringer, was ... war ich
das da, hab ich ... ich hab doch nicht, doch ... habe ... jetzt
aber raus hier, nichts wie weg ...
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