Mobbels Tod

Die Mutter hatte sie wieder in die Rumpelkammer gesperrt.
Lisa hatte nur eine Plastikschere mit abgerundeten Spitzen. Mit der konnte sie die Fingernägel nicht schneiden. So löste sie sie mit den Zähnen, vorsichtig, immer an der Fuge entlang, die sie mit der Zunge spürte.
Manchmal blieb ein Haken übrig, mit dem sie hängenblieb. Sie konnte aber keinen Schritt tun, solange sie der Widerhaken hemmte. Der Ton des schnarrenden Nagels, wenn sie an der Hose entlangfuhr, und der fühlbare Widerstand, wenn der Haken Fäden am Pullover zog, waren Grund genug, sich zusammenzurollen und den Finger wieder in den Mund zu stecken. Es wurde Korrektur genagt. Je kürzer die Nägel wurden, desto verbissener schliff sie der Vollendung zu.
"Wir verbrennen den Mobbel, wenn du das nicht lässt", drohte die Mutter.
Lisa fing an zu beten. Sie schwor ihrem Gott, es nie wieder zu tun. Sie glaubte noch an einen Gott der Vorsehung, der Türen und Schränke knarren ließ, wenn sie gerade etwas Verbotenes tat. Sie liebte ihn. Es war ein verschmitzter Gott, der Schmiere stand und zuverlässig pfiff. Stets wurde er erprobt, nicht sie. Aber diesmal bestand er seine Probe nicht.
"Dass du das nicht lassen kannst," hatte die Mutter gesagt und sie in die Kammer gesperrt. Der Schlüssel krachte ins Schloss, sie schloss zweimal ab.
Das spärliche Licht fiel durch die Mauerschlitze in die Kammer und ruhte auf den Kartoffeltrieben, die nach ihm gierten, spielte mit den erstarrten Farbtränen an den Rändern angebrochener Ölfarbdosen und fiel in die durchsichtige Tschibodose, in der von ihrer Mutter vergessene Zwiebeln zu leben begonnen hatten. Mit hämischer Freude, dass hier etwas im Verborgenen hauste, beobachtete Lisa die kleinen, in der Dose wandernden Würmer und sog den stechenden Geruch der Zwiebeln ein. Der Geruch vermischte sich mit dem der Öl- und der Ofenrohrfarbe und verband sich mit dem Modergeruch feuchter Scheuerlappen und der Süße aus der Backröhre des alten Gasherds.
Auch sie strebte dem Licht zu. Sie musste auf die Klappe des Gasherds klettern, um hinausschauen zu können. Wenn sie das nicht vorsichtig genug tat, machte die Blechplatte einen häßlichen Ton, der sie verriet und ihre Mutter anlockte. Sie durfte sich in der Kammer nicht hinsetzen, weder auf den Gasherd noch auf den Boden. Wenn sie sich streckte, konnte sie die Straße sehen, die sich zum Rathausturm hin verjüngte.
Die Rathausuhr. Irgendwo spielten die anderen Kinder. Sehen konnte Lisa sie nicht. Die Gegenstände in der Kammer und ihre Gerüche aber zogen sie mehr an als die Spiele der Kinder.
Und Mobbel, der Freund, der nach Sägespänen riechende dünne nackte Bär, der mit der roten gestickten Schnauze und einem Wollbommel als Schwanz, Mobbel hatte sie in einem aus Hanf gehäkelten Klammersack versteckt, den ihre Mutter nicht mehr benutzte.
Und dann kam die Melodie.
Sie setzte sich zusammen aus dem Spiel der Farben, der Zwiebeln, der Würmer, dem Holz der Wäscheklammern, eben all dem, was sie umgab. Es war ein angenehmes Tönen, ein Flirren, das sie leicht machte. Nur wenn sie draußen im Flur Schritte hörte, wenn sie an der Art, wie ihre Mutter den Gang entlanglief, erkannte, dass gleich der Schlüssel hart ins Schloß fährt und sie schon in der Türe steht und sie an den Haaren reißt und auf sie einschlägt mit ihren kleinen runden Fäusten, dann wurden die Töne schrill, kreischend bis zum Nichtmehrhören.
Als alles vorbei war, klang die Weise ab und wurde leicht und sanft, dann wieder kräftiger, lebendiger, sobald sich Lisa wieder traute, Dosen und Gläser zu öffnen, Mobbel ein wenig aus dem Klammersack zu ziehen und in dem alten Gasherd zu schnuppern. Wenn dann die Melodie in sich kehrte und eine andere Tonart annahm, weich wurde wie die Zunge, die sich an den Finger herantastete, dann wurde sie zugleich auch fordernd und ließ keine Ruhe, bis die Nägel noch ein Stück kürzer waren.
Mit einer boshaften Wut spuckte Lisa jetzt die Fingernägel weg. Da, wo sie hinflogen, waren die Endpunkte ihres Reichs. Das Verlies wurde zum heiligen Ort, und wer ihn betrat, blieb nicht ungerächt. Lisa dachte sich Strafen aus für das Betreten, Berühren, Beriechen, schon die Annäherung sollte mit Schweißausbrüchen, das Denken an diesen geheimen Ort mit Angst und Schlaflosigkeit geahndet werden.
Sie fühlte ihre Macht wachsen, Mobbel winkte ihr zu. Niemand warnte sie, kein Gott stand an der Ecke und pfiff.
Da bricht Licht in den Raum. Die Mutter steht da. Sie fällt nicht tot um. Lisas Zauber ist taub. Mit zwei Blicken zerschlägt sie ihr Reich: der eine fällt auf die Finger, der andere trifft den Klammersack. Mobbel schaut heraus. Die Mutter schnappte seinen schmalen Leib, lief hinüber ins Wohnzimmer zum Ofen. Lisa lief ihr nach. Dann warf sie ihn in die Glut. Lisa griff nach ihm, aber schon loderten die Flammen. Mobbel brannte.
Die Mutter ging in die Küche. Irgendwann war Lisa im Bett, wartete, bis die Eltern kamen, und hörte, zur Wand gedreht, wie sie sich hinlegten, in die Kissen Mulden klopften und einschliefen.
Am nächsten Morgen strich die Mutter wie immer die Butter aufs Brot. Lisa ließ den Honig vom Löffel gondeln. Sie trank den Kakao. Die Mutter hantierte in der Küche. Lisa schlich zum Ofen, stocherte im Aschenkasten. Ihr Vater hatte in der Frühe schon die Asche zusammengerüttelt. Sie war grau und weich.
Lisa hörte Schritte im Flur, und ging zurück zum Frühstückstisch. Der Honig war vom Brot gelaufen. Die Mutter kam herein und legte ihr Nageletui auf den Tisch.
"Das kannst du jetzt haben. Am besten, du feilst sie", sagte sie und machte es ihr vor.

   
       
 

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