Sylter Kartoffelsuppe

Vor Hans Bergmann saß eine kleine schmale Frau und schnitt im Sitzen am Wohnzimmertisch Kartoffeln in kleine Würfel. Sie brauchte keine Brille dazu, ihre Bewegungen waren akkurat. Die Hände waren schmal geworden, aber stark geblieben. Als sie jünger war, wäre das gegen ihre Ehre gewesen, im Sitzen zu schneiden. Nun fügte sie sich, auch darin war sie stark.
Früher war sie eine feste, zuweilen dicke Frau gewesen, und wenn Hans sie zur Begrüßung umarmte, ging sie ihm bis an die Brust. Heute musste er sich bücken, und wenn er sie drückte, schreckte sie zusammen: "Nicht so fest, nicht so fest."
"Ich kann dir ja die Schalotten schälen und den Speck", schlug Hans vor, aber die kleine Frau machte nur eine wedelnde Bewegung und griff nach dem Speckstück, das sie mit Kraft zerschnitt.
"Junge", sagte sie und schüttelte den Kopf, "Du bist nie da und willst mir helfen?"
"Ach, Mutter", sagte Hans. Sie schaute auf, sie hörte das gern und schichtete die Würfel auf ein großes Brett.
"Ja, schaffst du denn das alles?"
Sie schaute ihren Sohn scharf an, dann machte sie weiter.
Hans Bachmann blickte zu der Frau, die seit einem Jahr immer weniger wurde. Nächstes Jahr würde sie siebzig, er fünfzig Jahre alt. Der Vater war schon lange tot.
Seine Mutter hatte eine neue Liebe gefunden. Sie waren sich auf dem Friedhof begegnet. Er war zu seiner Familie im jüdischen Teil gegangen, und sie zu Vater, der auf der anderen Seite lag. Sie sprachen miteinander, trösteten sich. Es war eine Liebesgeschichte, die im Dorf mit Rührung und Misstrauen beobachtet wurde.
Als sie Hans davon erzählte, schüchtern wie ein junges Mädchen, und davon, dass Jakob so voller Ideen sei und sie so viel miteinander unternähmen, auf Sylt waren und sogar in London, wo er gelebt hatte und sie so glücklich mit ihm war wie fast nie vorher, dachte Hans daran, wie böse sie früher immer werden konnte, wenn er schon wieder ins Ausland fuhr, und wie gekränkt sie war, als er auch dort blieb.
Sie wusste nicht, dass er geheiratet hatte, dass Frau und Kind bei der Geburt gestorben waren. Er hatte ihr nie etwas davon erzählt.
"Zwei große Kartoffeln brauchst du für zwei Personen", sagte Frau Bergmann, "das ist nicht viel, wirst du denn davon satt?"
"Ach, Mutter, kümmere dich nicht darum", sagte Hans und erschrak. Warum war er so schroff?
"Was ist los?" fragte sie.
Hans horchte auf. So hatte sie noch nie gefragt, eher jeden Satz von ihm abgeschnitten, als sei er nicht wert, ausgesprochen zu werden. Warum war sie früher so hart zu ihm, er war doch ein netter kleiner schwarzhaariger Junge gewesen.
"Also gut, geh' in die Küche, da steht schon die Rindfleischbrühe. Nimm den Speck mit, lass' ihn im Kochtopf aus und gib die Schalotten dazu, musst sie glasig dünsten. Dann kommst du zurück und nimmst die Kartoffeln, oder nimm sie doch gleich mit. Mische sie unter, dünste sie kurz mit an und gieße sie mit Brühe und Sahne auf. Die Sahne steht im Kühlschrank. Und stell' den Küchenwecker, in 20 Minuten ist alles fertig."
Hans stand auf. In der Küche hatte alles seinen Platz: das Geschirrtuch hing am Haken am Fenster, die Pfanne stand wie immer links auf dem Herd, das Besteck lag aneinandergereiht im Fach. Selbst der kleine Löffel, mit dem er als Junge selbstgemachtes Erdbeereis geschleckt hatte, lag in der Küchenschublade neben den Kuchengabeln.
Der Blick auf den Boden verriet, dass seine Mutter nicht mehr regelmäßig putzte. In der Küche hatte sie einen Teppichboden und etliche Läufer liegen, was ihn schon immer gestört hatte. Früher hatte sie täglich gesaugt; die Küche sah manierlich aus, wie sie sagte, und sie war gemütlich gewesen mit dem Küchenbüffet und den ziselierten Stühlen.
Hans Bachmann ging hinüber ins Wohnzimmer. Seine Mutter lag auf der Couch. Sie hatte sich drei Kissen unter den Kopf gelegt, lag gekrümmt auf der Seite und strich sich die Beine.
"Das ist die verdammte Krankheit."
Im Wohnzimmerregal stand das Bild seines Vaters: ein mittelgroßer blonder Mann, der nie laut gegenüber seiner Frau gewesen war, obwohl er Grund dazu gehabt hatte. Sie bestimmte die Geschicke der Familie, sie kommandierte. Alles, was sie anfing, gelang ihr und Max nicht und ihm auch nicht, er war eben ein Träumer wie sein Vater.
Neben dem Foto seines Vaters stand ein zweites. Es zeigte die Mutter und Jakob auf einer Düne, ein altes Ehepaar, obwohl sie nie geheiratet hatten. Aber sie waren ein Paar, mehr, als es seine Mutter je mit Max gewesen war.
Jakob hatte weiße Haare, er war kleiner als die Mutter, präsenter und quirliger als sein Vater es je gewesen war. Wenn er in die Wohnung kam, sagte er nicht: "Hallo, wie geht's", er sagte: "Was machen wir?"
Innerhalb einer halben Stunde war er gestorben, im Wohnzimmer. Er war vornüber gekippt, die Hand an der Brust, die Aorta war gerissen.
Ein Urlaubsfoto, das Hans kannte, aber nie beachtet hatte, lag hinter den Fotos von Max und Jakob. Es zeigte eine junge, schmale Frau mit zu Schnecken zusammengerollten Zöpfen und eine dickere, größere an einem Strand. Im Hintergrund waren Dünen zu sehen. Eine verhuschte Hand langte ins Foto hinein, als winke sie die Frauen her. Die bückten sich, eine sah man von der Seite, sie krümmte sich vor Lachen und umarmte dabei die andere, die ihrerseits in die Knie ging.
Hans erkannte seine Mutter in der linken Figur. Beide Frauen trugen ziemlich durchsichtige Badehosen, es waren eher Unterhosen, und auf der Hose der Dickeren, die nass war und die Pobacken durchscheinen ließ, war ein großes Gesicht gemalt.
"Hans", rief Frau Bergmann, "denkst du nicht an die Kartoffeln?"
Er drehte das Foto um. Auf der Rückseite stand: Sylt, im Sommer 33.
"Die Lauchstange musst du der Länge nach halbieren und gut waschen. Die Karotte und den Sellerie schälst du auch und schneidest sie klein, du Träumer."
Die Kartoffeln hatte er vergessen, das ganze Essen überhaupt. Er nahm das Bild mit und tat in der Küche das, was ihn seine Mutter geheißen hatte.
Das Foto legte er neben sich. Er schnitt sich, als er die Hand, die ins Bild ragte, genauer betrachtete.
Als Hans klein war, hatte sich die Verwandtschaft über seine schwarzen Haare mokiert. Die Schwester der Mutter rechnete und redete vom Syltaufenthalt und behauptete, Max sei nie dabei gewesen. Warum er auf keinem der Fotos zu sehen gewesen sei? Weil Max die Fotos gemacht habe. Und er war ein schlechter Fotograf, hat sich selber verewigt. Max hatte still genickt und seine Hand geknetet. Der Zeigefinger fehlte, er hatte ihn sich als Junge beim Holzfällen abgehackt.
"Passierst du die Kartoffelsuppe durch ein Sieb und gießt sie zurück in den Topf!" rief die Mutter aus dem Wohnzimmer. Gib aber erstmal das Gemüse in die Suppe und den Estragon, und lass das Ganze noch etwa 10-12 Minuten bei schwacher Hitze ziehen. Brauchst dann nur noch mit Salz und Pfeffer abschmecken. Und kommst du dann?"
Hans tat, was seine Mutter ihm sagte und setzte sich wieder zu ihr.
"Wer ist die Hand auf dem Bild?" fragte er."
Die Mutter setzte sich mühsam auf.
"Ja", sagte sie, "wie du das fragst."
"Also." Seine Stimme klang scharf.
"Es ist ein Foto von mir, als ich jung war. Die Hand gehört Jakob. Mehr brauche ich nicht zu sagen. Max und ich haben geheiratet, noch bevor du auf die Welt gekommen bist.
Ich weiß nicht, ob du verstehst, wie es ist, wenn man einen anderen gern hat und der ins Ausland muss, und du weißt nicht, ob er überlebt, und du siehst ihn dann wieder."
Hans strich über das Foto.
"Jakob habe ich nichts von dir gesagt. Ich habe das für Max getan. Ihr seid euch so ähnlich. Max war ich immer dankbar, und mehr als das. Ich weiß nicht, was aus Jakob und dir geworden wäre ohne ihn."
"Was kochen wir hier eigentlich?", fragte Hans.
"Wir kochen Sylter Kartoffelsuppe", sagte die Mutter, "die hat doch Max immer so gern gegessen."
Hans beträufelte die Krabben mit Zitronensaft, tat sie in tiefe Teller, goss sie mit der heißen Suppe auf und bestreute sie mit Schnittlauch.
Als er ins Wohnzimmer trat, hatte sich seine Mutter zur Wand gedreht. Sie war eingeschlafen. Er nahm die warme Wolldecke und deckte sie zu.

   
       
 

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