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Phönix Goodbye Jemand hatte eine Sonnenblume auf Susannes Grab gepflanzt. Sie leuchtete in der späten Nachmittagssonne, sie ragte aus den Stiefmütterchen und Tagetes der Nachbargräber heraus. Das erste Moos kroch über den Grabstein und nistete sich in den Ritzen der Gravuren ein: Susanne, 1968-1993. Seit Jahren war ich nicht mehr hier gewesen. "Hallo Susanne." Ich rupfte etliche Büschel Löwenzahn aus der Erde und blies eine Pusteblume in die Luft. Manchmal ist es einfacher, ein Grab als Beet anzusehen. Aber schließlich hockte ich mich ins Gras und wußte nicht, ob ich zum Grabstein oder zur Sonnenblume sprechen sollte. "Susanne, ich gehe weg. Morgen. Ich ziehe in eine andere Stadt. Wohin, das erzähle ich dir nicht. Und Susanne, bitte, komm nicht mit." Eine Hummel umkreiste die Sonnenblume, und ich sagte zu ihr: "Ich meine, wenn du dich nicht für den Tod entschieden hättest, aber so..." Nein, keine Vorwürfe, heute nicht. Und genaugenommen war ich mir noch nicht einmal sicher, ob sie sich entschieden hatte. Für was? Ich kramte ein Päckchen Zigaretten aus meiner Jackentasche und zündete mir eine an. Einen Augenblick lang kräuselte der Rauch sich in der Sommerluft, dann trug ein leichter Wind ihn fort. "Es tut mir leid," sagte ich schließlich. "Aber immerhin habe ich es mir nicht ausgesucht, daß du nun ein... ach, was auch immer du jetzt bist." Ich versuchte, nicht daran zu denken, wie Susanne nach diesen Jahren in drei Metern Tiefe aussehen mochte. Und ich wollte mich auch nicht an ihre Beerdigung erinnern. Dieser Tag im Juli bei über dreißig Grad. Ich hatte Steine nach den Krähen geworfen. Keine Sprache, keine Tränen. Und kein Blick von ihr, kein Wort, in das ich kriechen konnte. Susanne, wie lange braucht es zu sterben? Was dachtest du, fühltest du in den letzten Minuten, Sekunden? Ich hatte bisher nicht danach gefragt, wie es ist, tot zu sein. Ich war noch mit anderem beschäftigt. Zum Beispiel damit, daß ich nicht Zuhause gewesen war, als sie mich angerufen hatte - an jenem Dienstag. Nur eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, schade, daß du nicht da bist, na dann, mach's gut. Nicht glücklich, nicht unglücklich. Keine Bitte, keine Trauer, keine Freude. Alle hatten mir versichert, ich hätte keine Schuld. Eine kleine grauhaarige Frau humpelte mit einer Gießkanne in der Hand an mir vorbei und warf einen stirnrunzelnden Blick auf meine Zigarette. Ich drückte den Stumpen ins Gras. "Sag Susanne, ist es unüblich, auf Friedhören zu rauchen? Ich habe damit ja nicht viel Erfahrung." Ich beschwor Susannes Grinsen herauf, breit, mit Grübchen in beiden Wangen, ein Zwinkern in den Augen. Ihr Gesicht blieb hinter Glas. Ich rief mir ins Gedächtnis, daß sie bei Gewitter die Fenster öffnete, schlecht kochte und gerne gebratene Bananen aß. Daß sie Blau liebte, daß sie oft alleine Spazieren ging. Oder daß sie bisweilen zu mir sagte, komm, wir mischen die Nacht auf. Ich wollte mich an ihre Art zu gehen, zu tanzen oder Geschirr zu spülen erinnern, doch ihre Bewegungen verschwammen. Ich wollte mich an Gespräche erinnern, was sie sagte, was sie dachte, worüber sie lachte, bevor sie meinte, sie müsse sich über einiges klar werden, und danach nicht mehr viel sprach. Doch ihre Stimme war flüchtig wie der Zipfel eines Traumes kurz nach dem Erwachen. "Du bist tot," sagte ich. "Und ich lebe. Verstehst du? Morgen früh packe ich meine restlichen Sachen in den Umzugswagen. Die Wohnung habe ich aufgelöst und deine Schallplatten aussortiert. Ich werde sie hier lassen, verstehst du? Ich habe sie nicht mehr gehört, verstehst du?" Die Sonnenblume schwieg, der Grabstein stand still. "Nun denn," murmelte ich. "Das täte mir an deiner Stelle auch nicht gefallen. Klar, daß mehr von dir übrig bleiben sollte als jener Dienstag, nicht wahr?" Die grauhaarige Frau mit der Gießkanne schlurfte über den Kiesweg. Ich zündete mir eine weitere Zigarette an. "Susanne," sagte ich und blies den Rauch übers Grab. "Wenn ich deine Schallplatten mitnehme, können wir dann den Dienstag hier lassen?" |
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Coming up to the world Gott im Gras Sylvia auf dem Dach |
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