Jemand

Das Telefon weckte mich, wieder war nur ein Atmen am anderen Ende der Leitung in unbestimmter Ferne. Ich hörte zu und war für Minuten nicht alleine, weil man stirbt, wenn man nicht atmet, wir, der fremde Anrufer, der mich seit Wochen täglich weckt, und ich, wir atmen zusammen, wir leben zusammen, für einen Moment, ohne, dass der eine, er oder ich, eines Tages mehr vom andern fordert.
Ich wartete. Es war Mittag vor dem offenen Fenster im ersten Stock. In der schleimigen Hitze über den Dächern hingen schwere Säcke rostiger Watte, rotbrauner Smog. Von der Straße kein Auto zu hören, nur manchmal die in der Ferne rasende Sirene eines Streifenwagens und vor dem Haus die blechern scheppernde Straßenbahn. Der Kanal auf der anderen Seite und die leer gefegten Tische der Cafés lagen - weil allesamt leer - sinnlos glitzernd dar. Unter den alten Bäumen an der Straße noch viel ältere Menschen, die sich den Fußweg entlang quälten. Und inmitten von ein paar Sonnenflecken eine Dame, wie kleine pelzige Kühe klimperten ihre Hunde an kurzen Leinen. In meiner Wohnung war der Staub in der sonnigen Luft sichtbar, wir er wirbelte, winzige weiße Häarchen gegen das Licht tanzten.
Soviel zu meinem offenen Fenster. Und über mich? Ich: drei Buchstaben. Ich: männlich. Ich: sechzehn Jahre alt. Ich: mein Name; ein Gewöhnlicher. Ich: jemand. Das bin ich? Ich: depressiv? Nein wahrlich, ich flechte mir keine Strickleiter zum Mond. Ich atme nur, schlage meine Augen auf, schlage meine Augen zu, meine Stunden tot, bin wach, bis ich wieder schlafen kann und bin nicht klug, nicht euphorisch, nicht apathisch, ich kann nicht gesund werden, weil ich nicht krank bin, was nicht heißt, dass ich mich mag, was die Vorraussetzung für alles Gesundsein ist, nein, zum Teil mag ich mich selber gar nicht leiden: ich, dieser Junge, der mir manchen Abend richtiggehend fremd ist, weil er sein Geld mit ich weiß nicht was verdient, auf jeden Fall zu wenig, über den ich mich ständig ärgern muss, weil er seine dreckige Wäsche auf dem Boden liegen lässt, vor dem ich mich ekle, weil er sich zu selten duscht. Das bin ich; wohl bin ich nur die Wirklichkeit, weil es keine Wirklichkeit gibt, sondern jeder nur seine Version von Wirklichkeit lebt. Also ich: Wirklichkeit, meine Wirklichkeit. Zum Beispiel meine Wirklichkeit vor dem Fenster: alte Menschen auf dem Gehsteig, die schleimige Hitze. Eine Version der Wirklichkeit. Eine andere wäre dann: reife Herrschaften in der sommerlichen Wärme.
Das bin ich alleine, zusammen mit anderen bin ich nicht ich selbst, sondern wir, und deshalb glücklich. Nun, ich meine Wirklichkeit und meine Wirklichkeit ist: ich gehe an einem Samstagmittag, nein, es ist Sonntag, hinunter zu meinem Briefkasten bei der Eingangstür.
Im Treppenhaus war es stickig und alt. Die Dielen schwarz und abgetreten, Tapeten vergilbt, mein klappriger Briefkasten unten bei der Haustüre leer. Meine Wirklichkeit: ich war nicht alleine an meinem Briefkasten, nicht alleine, sondern ein pastellfarbenes Mädchen stand auf Zehenspitzen an ihrem Briefkasten neben mir. Auf Zehenspitzen. Nicht dass ich Pastellfarben im Allgemeinen liebe, aber sie war schön in ihnen; meine Wirklichkeit, dass sie pastellfarben war, und meine Wirklichkeit, dass ich sie deshalb schön fand und meine Wirklichkeit, dass ich sie deshalb schon ein wenig liebte, meine ich. Soviel zu wir. Und sie? Vor allem Gegensatz zu allem Schwarz und Braun und Alt des Treppenhauses, sie zwei Finger breit über dem Fußboden, hundert Meter über mir. In meinem Kopf sagte ich leise etwas Schönes oder auch nur etwas Kluges und sagte laut ein dummes:
"Guten Tag..."
Mit Umschlägen und Magazinen im Arm drehte sie sich zu mir, blinzelte gegen das Licht, welches durch das Milchglas der Eingangstür fiel, herüber, kleine weiße Härchen, die gegen das Licht tanzten, blinzelte mir in die Augen. Sie wusste, dass ich es selber kreuzdumm fand, dieses "Guten Tag" und sie wusste, dass ich sie gerne berührt hätte, selbst, wenn ich sie dazu hätte fest halten müssen, sie wusste es genau und sie biss sich auf die Lippen und ich, ich sprang in ihre Augen, doch bevor ich zu ertrinken drohte, schlug sie ihre Lider nieder und heimlich - andere nennen es Kennenlernen - grapschte ich schon nach ihr, indem ich sagte:
"Du kannst..." Ich sagte: "Du kannst, wenn du willst, mit meinem Hund spielen, der liegt im Hof"
und sie sagte: "Ich weiß schon...! Aber dein Hund ist tot."
"Dann kann er dich nicht beißen" meinte ich darauf.
Sie lächelte, sie lächelte - wie alt mag sie sein? fragte ich mich - und sie lächelte, lächelte über meinen toten Hund im Hof.

Meine Wirklichkeit: wir beide, das pastellfarbene Mädchen und ich, in meiner Wohnung vor dem offenen Fenster, vor dem es Nachmittag ist.
Wir warten zusammen, ich wartete nicht. Pulsierendes Stimmengewirr und Zigarettenrauch von den Cafés auf dem Gehsteig, klappernde Fahrräder, der Geruch von Sonnenmilch von der Kanalpromenade auf der anderen Seite und das Scheppern der Straßenbahn schwirren zu uns hoch. Klebrig braune Haut, wo eine den Schatten mied und schmierige Blüten, wo etwas wächst. Autos fahren keine, nur eine Sirene heult in der Ferne. Inmitten von ein paar Sonnenflecken eine Dame, wie kleine, glatte Pferde reißen ihre Hunde an festen Leinen und die schönen, grellbunten Männer und Frauen, die aufgeschwemmt durch ihr Leben kriechen, scheinen zu lachen.
"Weil es Sonntagnachmittag ist" sagt das pastellfarbene Mädchen neben mir noch bevor sie an mich gelehnt einschläft. Und ich, der ich noch nicht schlafe, als der Tag in den Wolken zerbricht, die Menschen zu Silhouetten mutieren, draußen an den Cafés Kerzen und Wachsfackeln angezündet werden, wie Funken des Reibungsprozesses zwischen Tag und Nacht schon in der Dämmerung Sterne zu sehen sind und der Atem des schlafenden Mädchens sich an meinen nackten Schultern zu kleinen Wirbeln kräuselte, bin glücklich, weil ich mich nicht selbst fragen muss wer ich bin, sondern bin, was sie in mir sieht, ihre Wirklichkeit, ich bin sie - der Grund warum ich nicht alleine sein kann.
Ihre pastellfarbenen Haare flattern in einem unerwarteten Windstoß davon, auf der Straße rauscht, rauscht das Laub der alten Bäume und zehn Meter von uns, einmal um die Welt in alle Richtungen mag die Menschheit in sich selbst ertrinken. Und ich würde springen, durch das offene Fenster springen, vor dem es jetzt abend ist. Aber ich tue es nicht, weil ich warte, warte... Das Telefon weckt mich, wieder ist nur ein Atmen am anderen Ende der Leitung in unbestimmter Ferne. Ich höre zu und bin für Minuten nicht alleine, weil man stirbt, wenn man nicht atmet, wir, der fremde Anrufer, der mich seit Wochen täglich weckt, und ich, wir atmen zusammen, wir leben zusammen, für einen Moment, ohne, dass der eine, er oder ich, eines Tages mehr vom andern fordert.
Ich warte. Es ist Mittag vor dem offenen Fenster im ersten Stock. In der schleimigen Hitze über den Dächern hängen schwere Säcke rostiger Watte, rotbrauner Smog. Von der Straße ist kein Auto zu hören, nur manchmal die in der Ferne rasende Sirene eines Streifenwagens und vor dem Haus die blechern scheppernde Straßenbahn. Der Kanal auf der anderen Seite und die leer gefegten Tische der Cafés liegen - weil allesamt leer - sinnlos glitzernd dar. Unter den alten Bäumen an der Straße noch viel ältere Menschen, die sich den Fußweg entlang quälen. Inmitten von ein paar Sonnenflecken eine Dame, wie kleine pelzige Kühe klimpern ihre Hunde an kurzen Leinen. In meiner Wohnung ist der Staub in der sonnigen Luft sichtbar, wir er wirbelt, winzige weiße Härchen gegen das Licht tanzen. Meine Wirklichkeit: ich warte!/. Und ich?

   
       
       
       
       
 

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