Blauer Reiter

Habe das Wort nicht gesagt, dort vorne schnarrt es eine rostbraune Männerstimme, laut, fordernd, nicht mehr ganz jung, habe es nur leise gemurmelt, finde "Fahrscheinkontrollen" wundervoll, liebe Fahrschein-kontrollen über alles, taste sofort nach meinem Ticket. Diese knappe, Legalitätsprüfung, diese exakte Trennung von Gut und Böse, Ordnung und Chaos, Gesetz und Freiheit - Genuss pur, türkisgrün.

Drei, sehe ich, drei Passagiere zucken zusammen, fangen an zu nesteln, gefangen in den unter Häusern und Straßen dahinrasenden Wagons, ich nehme den Filmschauspieler. Filmschauspieler sind rar in der U-Bahn. Ich habe ihn sofort erkannt. Ich kenne ihn besser als mich selbst, ich weiß genau, wann seine dritte Frau abgetrieben hat und in welcher Klinik er sein Skrotum straffen ließ, und seine Lieblingssocken und - Äpfel kenne ich auch. Bei Fahrscheinkontrollen fühle ich mich einfach gut, ich habe das Gefühl, dazu zu gehören und okay zu sein, erfolgreich und smart, indigoblau - korrekt.

Die Fahrausweise bitte, ich sehe den grellroten Blick des Gejagten, seine unruhigen Augen, das fahle Gesicht, und ich setze mich hosenstoffnah neben ihn. Angststarre, er sitzt da, eiszapfgefroren. Sie werden ihn kriegen. So hat er keine Chance. Ich weiß alles über ihn. Ich lese die bunten Gazetten, nehme seine Hand, weiß, wie er sich jetzt fühlt. Sie ist runzlig wie ein alter Apfel. Ich sage, "ich weiß wie du dich jetzt fühlst". Der Satz wirkt immer. Bei Nahaufnahmen muss er sie doubeln lassen, die Hand weiß ich, alles gelesen. Er trägt einen Ring, einen Ring am mittleren Finger, ein Geschenk von, am mittleren Finger der rechten Hand. Von einer Diva, einer berühmten. Ich wiege seine Hand wie ein Steak in meiner Hand und sage leise, das wird dich nur vierzig kosten das ist doch nichts. - Angst ? Sogar hellgelbe Schweißperlen- Panik, vielleicht ? Als ich selbst noch schwarz fuhr, als ich selbst noch unbedingt schwarz fahren musste, erkannte ich die Kontroll-Gesichter sofort. Ich lehnte rötlich angespannt neben einer der Türen und erkannte sie, wenn sie hereinkamen an ihrer Kopfhaltung, ihrem forschenden Blick und stieg sofort aus - ohne Ausnahme. Bei Gefahr im Dschungel keine Kompromisse.

"Schärfer schauen", sage ich, "das Auge schulen, die Witterung von weitem aufnehmen: Dreiergruppe am Bahnsteig, dunkelblaue Umhängetasche, nie braun, nie hell, nie eine Zeitung in der Hand und auch sonst keinerlei Gepäck - die Hände frei zum Aufschreiben, und zupacken - nur ein dunkles Umhängetäschchen mit Bestrafungsutensilien, neuerdings manchmal ein Rucksack ist doch klar. Das weißt du nicht?"- Das "Du" der Verfolgten, ein "Du" ohne Dauer, blassblau. Mein Farbtick.

Ich lege diese Hand auf sein Knie zurück, berühre es dabei knapp, rechts, es zittert. Er dreht den Kopf zu mir und rollt die Augen schauspielerhaft-bedeutsam zum Kontrolleur, der noch fünf Sitzreihen entfernt steht, und ich sage, "nicht der da vorne, von hinten kommt noch einer. Eine Frau. Die ist gefährlich. Ich kenne sie" Er hebt die rechte Hand mit drei Fingern "Ist es schon das dritte mal ?" flüstere ich und er nickt stolz, zwinkert mir zu. "Das dritte mal, da musst du abhauen. Riecht nach Betrug, Absicht, Staatsanwalt, weinrot."

Keine Antwort. Er spielt den irren Blick von Kinsky, Aguirre, der Zorn Gottes, dreht den Kopf langsam hin und her, Zeitlupe. " nichts zu machen," verstehe ich, "Schicksal," verstehe ich. Er atmet langsam aus, gedehnt, und ich denke, das kann wirklich tierisch teuer werden, mein Lieber, miserable Presse, saftige Geldstrafe und so weiter. Konnte es immer verhindern, meine ganzen gruseligen Schwarzfahrerjahre hindurch, nie haben sie mich das dritte Mal geschnappt. Hab mit 45 aufgehört. Prachtvolles, oranges Alter! Nur dieser Farbtick ist geblieben. Die Angst? Weiß nicht. Mit 45 ist es Zeit aufzuhören. Oder erst anzufangen. Manche fangen im Alter erst richtig an. Oder sind süchtig, kommen nicht mehr los davon. Er grinst. " Wo sind wir hier eigentlich? London, New York? War eben noch am Set in L.A."

"Mit der Tour kommst du nicht durch hier", sage ich. "Normalerweise," sage ich, "sind die ja harmlos - von weitem zu erkennen, wie die Feuerwehr. Aber klar, wenn sie dich erst mal haben, knallrote Gefahr, jetzt, noch drei Meter. Wirklich tückisch sind die Schläfer, die sich erst mal gemütlich hinsetzen, wie ganz normale Fahrgäste, Däumchen drehen und dann nach zwei, drei Stationen plötzlich und ganz langsam aufstehen und sich umsehen nach ihren Opfern." "Blauer Reiter," ruft er plötzlich, "nächste Station, Königsplatz" flüstert die U-Bahn-Stimme. Ich schnelle hoch, drehe ihm den Rücken zu und zische "Los, los! Auf, Mann, reiten! Auf!" Und, leiser, flüsternd "Sein oder nicht sein, ob`s edler im Gemüt," er springt auf meinen Rücken, krallt sich wie besessen von hinten in meine Schulter und wispert, flüstert mir etwas ins Ohr: "Oh welch ein edler Geist ist hier zerstört - weh mir wehe, dass ich sah was ich sah und sehe was ich sehe!"

Ich nicke. Gut so. Kein Zaudern. Kein Zögern. Es gibt einen Ruck und dann spüre ich ihn im Kreuz, er ist federleicht, seine Knie auf meiner Hüfte, vor meinem Bauch verknotet, schlotternd, seine Kinnlade klappernd auf meinem Kopf, und ich zischle, du musst jetzt tapfer sein, Brother, klug, stark und sehr sehr tapfer, und greife nach oben in sein Gesicht, und quetsche das hervorstehende Teil kurz zusammen. Kleine Drehung, er brüllt auf, und wir haben Glück gehabt, denn sein Nasenblut kommt sofort, ich habe es schon an der Hand, schmiere es auf mein helles Hemd, halte ihn fest an den Beinen, er kreischt vor Schmerz, und ich schreie "Notfall". Das Blut tropft aus der Nase über meinen Kopf, mein Gesicht, ein Rinnsal über die rechte Gesichtshälfte, das zweite versickert im Hemdkragen.

Hatte ihn zu letzt bei Beckmann gesehen, davor bei Harald Schmidt. Oder war es Kerner? Nein, es war erst Kerner und dann Beckmann. Oder Maischberger? Beckmann hat ihn lehmbraunsanft über das Reiten befragt, damals ist er ja noch wirklich geritten, oben in Berlin, sehr lässig, souverän. Jetzt ist er schwer krank. Alkohol, wie ich gelesen habe, bonbonrosa. Oder schon rubinrot - tot. Aber ich habe ihn noch gekannt, noch geschmeckt, wie gesagt, ich würde anderntags in den Gazetten stehen, dachte ich damals, kurz nach der Szene, Ruhm unvermeidlich, Rampenlicht! Schauspielstar nach Überfall gerettet ! Würde Anrufe bekommen, silberglitzernd, nachts um zwei, würde mir die Talkshows sehr genau aussuchen. Endlich meine Chance. Nur die besten bekämen mein Gesicht, nur die, die wirklich zahlten. Wollte gern wissen, wie Maischberger roch, Babypuder Penaten, vermutlich. Beckmann, klar, Aftershave Whiskey. Kerner nach dem Heu von Meerschweinchen, aber Harald Schmidt, hellblau- süßlich, verschwitzt oder zwiebacktrocken?

Hey, hoo, so reiten wir durch den Mittelgang Richtung Wagontür, knallbuntverwegen. Männer ziehen die Bäuche ein, Mädchen kreischen vor violettem Entsetzen. Ein Glück, Keiner will helfen, wie immer, alles ganz normal. Ich ziehe meine zerdrückte, vom Blut gesprenkelte Zehner-Streifenkarte und wedle damit der Kontrolleuse unter den Augen herum. Sie winkt uns durch. Ich brülle, "Notarzt". Die Bahn hat gehalten - " Überfall, Hilfe, Blutsturz," so preschen wir hinaus durch die Tür, er, der Schauspieler huckepack und ich, noch unbekannter aber in Kürze gefeierter Retter. Werde berühmt werden, schon morgen berühmt sein, für einen Tag, eine Woche. Habe ihn ohne Zweifel vor einem aggressiven Überfall gerettet - Zurücktreten bitte, hinaus auf den Bahnsteig, so steht es in den Journalen, morgen. Von der Wand gegenüber schauen uns die Blauen Pferde an und diese schwarz/rote, spitze Gestalt von Jawlensky, wer ist dieser Jawlensky, dass er hier den Berühmten geben darf, kein Schwein kennt ihn, und ich lege meinen famosen Reiter längs auf der metallenen Gitterbank ab, beruhigendes asphaltgrau, sachte sachte, ein Taschentuch unter die Nase, eins in die Nase, auf den Rücken legen, etwas Kaltes in den Nacken, ich habe nichts Kaltes, das Blut beruhigt sich trotzdem, und ich sage tiefeelenblau, "gestatten, Franz Marc", und er nickt knapp, der Schauspieler, da kommt wieder Blut, wenn er nickt, tropft sofort wieder Blut auf das Hemd, auf den Bahnsteig, "Kandinsky", sagt er, "angenehm,Wassili", legt sich zurück und sagt, "ja, das war gut, der Schuss Reality, der hat so richtig gut getan".

   
       
       
 

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